Ansprache von Landrat Dr. Reinhard Kubat an die Bürgerinnen und Bürger in Waldeck-Frankenberg

Veröffentlicht am: 20.03.2020
Reinhard Kubat

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wir alle erleben gerade eine Situation, die vollkommen neu für uns ist. Beispiellos und beängstigend. Das Coronavirus hat unser Leben verändert und stellt uns vor ganz neue Herausforderungen. Noch vor zwei Monaten haben wir die Nachrichten vom Auftauchen eines neuen Erregers von Atemwegserkrankungen in China verfolgt. Wir haben gesehen, dass Millionenstädte abgeriegelt wurden, innerhalb weniger Tage Krankenhäuser aus der Erde gestampft wurden und dass die Zahl der Infektionen dennoch rasant weiter anstieg.

Aber das alles war weit weg, auf der anderen Seite der Erde. Niemand hätte sich vor wenigen Wochen auch nur im Entferntesten vorstellen können, dass sich das Virus so schnell ausbreiten und auch unser Leben so tiefgreifend verändern könnte. Wir befinden uns in einem Kampf, den wir gemeinsam gegen einen noch weitestgehend unbekannten Krankheitserreger führen. Aber ich bin ganz sicher, dass wir das Virus besiegen werden.

Dafür braucht es aber unser aller Unterstützung. Denn jeder einzelne muss sich jetzt einschränken, damit wir es gemeinsam schaffen können, gegen die Ausbreitung des Erregers vorzugehen: Wir müssen derzeit auf die Freiheit verzichten, zu reisen wohin wir wollen. Wir müssen akzeptieren, dass unser öffentliches Leben auf ein Mindestmaß zurückgefahren wird – dass unsere Kinder keine Kitas und Schulen besuchen können, dass Universitäten geschlossen bleiben und Krankenhäuser nur noch akute Notfälle aufnehmen. Unser soziales Leben ist nahezu zum Erliegen gekommen: Kultureinrichtungen werden geschlossen, Sportveranstaltungen sind abgesagt, Versammlungen sind vielfach verboten, Kneipen und Restaurants schränken zumindest den Betrieb ein.

Ich habe kürzlich ein sehr passendes Zitat in den sozialen Netzwerken gelesen: Gespräche sind nicht abgesagt. Beziehungen sind nicht abgesagt. Liebe ist nicht abgesagt. Fürsorge ist nicht abgesagt. Machen Sie sich das in dieser Situation bitte bewusst! Lassen Sie uns Kraft schöpfen aus der Hoffnung, dass wir gemeinsam diese Zeit überstehen können. Daher appelliere ich an die Solidarität aller!

Diese zeigt sich auch darin, Ruhe zu bewahren und beispielsweise Hamsterkäufe und Überbevorratung von Lebensmitteln zu vermeiden. Unser Einzelhandel ist in der Lage, unsere Versorgung sicherzustellen. Masseneinkäufe sind absolut unangebracht. Danke an dieser Stelle an die Kassiererinnen und Kassierer, diejenigen, die leere Regale in den Supermärkten täglich neu füllen, an die LKW-Fahrer, die regelmäßig Nachschub liefern und alle anderen stillen Helden.

Für viele Bürgerinnen und Bürger ist die aktuelle Situation ungewohnt und besorgniserregend. Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze und für Unternehmen, Betriebe und zahlreiche Selbstständige stellt diese Krise eine existenzielle Herausforderung dar – vom Kosmetiksalon über den Handwerksbetrieb bis hin zum Global Player. Wir nehmen diese Sorgen ernst! Bund und Länder haben umfangreiche Wirtschaftshilfen in Aussicht gestellt – und auch wir in Waldeck-Frankenberg – das versichere ich Ihnen – werden alles tun, um unsere heimische Wirtschaft in dieser Situation bestmöglich zu unterstützen und aufzufangen.

Ungeahnte Herausforderungen ergeben sich in dieser Situation jedoch ganz besonders für unser Gesundheitssystem. Derzeit bereiten sich Kliniken in Deutschland darauf vor, Coronavirus-Patienten bestmöglich versorgen zu können. Geplante Operationen werden verschoben, Intensivbetten hergerichtet, zusätzliches Personal geschult – so auch in Waldeck-Frankenberg. Zahlreiche Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte rüsten sich, damit Patienten – insbesondere mit schweren Verläufen – in den Krankenhäusern behandelt werden können. Ihnen gilt mein Dank. Und mein Respekt. Und das kann jeder Einzelne von uns zum Ausdruck bringen – indem jeder dazu beiträgt, die Weiterverbreitung des Virus zu verlangsamen. Das bedeutet: Hygienemaßnahmen einhalten und – so schwer es auch fällt – soziale Kontakte meiden. Das medizinische Personal bleibt für uns in den Kliniken, lassen Sie uns – sofern möglich – für sie zu Hause bleiben. Nicht nur, damit wir selbst gesund bleiben – sondern auch um die Gesundheit derer zu schützen, die im Notfall unsere Eltern, Großeltern und andere liebe Menschen medizinisch versorgen.

Man hört immer wieder Stimmen, die eine Entsolidarisierung unserer Gesellschaft angesichts der Corona-Krise beklagen. Vielleicht hat der erste Schock diesen Eindruck ausgelöst. Aber ich sehe auch, dass die Menschen in vielen Städten und Gemeinden unseres Landkreises jetzt verstärkt füreinander einstehen. Es haben sich Initiativen gebildet, die für ältere, kranke oder in Quarantäne befindliche Mitbürger Einkäufe und sonstige Erledigungen verrichten. Das sind erfreuliche Zeichen, die ganz viel Mut machen und ich hoffe, dass wir noch weitere Beispiele für derart gelebte Mitmenschlichkeit sehen werden. Denn: Solange uns die Menschlichkeit verbindet, ist es egal, was uns trennt.

Ihr Dr. Reinhard Kubat

-Landrat-