Gemeinsame Presseerklärung des Landkreises Waldeck-Frankenberg und des Diakonischen Werkes (Suchtberatung): Jugendliche Komatrinker im Landkreis

Veröffentlicht am: 14.06.2011

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Die Zahl der Komatrinker unter 20 Jahren im Landkreis Waldeck-Frankenberg ist deutlich höher als in anderen hessischen Landkreisen. Die Zahl der Jugendlichen unter 20 Jahren, welche wegen einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen, lag im Jahr 2009 bei 69 und ist damit drei Mal so hoch wie im Jahr 2000. Im Vergleich zu anderen hessischen Landkreisen ist der Landkreis Waldeck-Frankenberg an zweithöchster Stelle, wenn man die Zahl durch die relativ geringe Bevölkerungsdichte teilt.

Deshalb hat der Landkreis Waldeck-Frankenberg beschlossen, dagegen etwas zu unternehmen und die Suchtberatung des Diakonischen Werkes Waldeck-Frankenberg beauftragt, das Präventionskonzept Hart am Limit „HaLT" zu implementieren.

HaLT ist ein Suchtpräventionsprojekt, das als Reaktion auf die jährlich ansteigenden Zahlen von komatrinkenden Jugendlichen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Villa Schöpflin in Lörrach (Baden Württemberg) entwickelt wurde. Denn exzessiver Alkoholkonsum kann bei Jugendlichen ungleich höhere Gesundheitsschäden anrichten als bei Erwachsenen und schnell lebensbedrohlich werden. HaLT hat nicht zum Ziel, Alkohol zu verteufeln. Ziel ist hingegen, dass die jungen Menschen sicher und gesund im Anschluss an besuchte Festveranstaltungen oder Gruppentreffen wieder zu Hause eintreffen. Jugendliche sollen ihren Spaß haben, ohne dass es zu Alkoholvergiftungen kommt.

HaLT besteht aus zwei unterschiedlichen Bausteinen, die sich gegenseitig ergänzen und verstärken:

Baustein 1: Im reaktiven Baustein, der auch als Hilfebaustein bezeichnet werden kann, wird Jugendlichen und auch ihren Eltern nach stationär behandelter Alkoholvergiftung Hilfe in Form von Beratungsgesprächen angeboten. Das sogenannte „Brückengespräch" erfolgt meistens noch im Krankenhaus durch die Suchtberater/innen der Suchtberatungsstelle des Diakonischen Werkes Waldeck-Frankenberg und richtet sich direkt an die Jugendliche oder den Jugendlichen. Es kann dann noch zu einem „Elterngespräch" ebenso wie in der Folgezeit zu einem Gruppenangebot auf erlebnispädagogischer Ebene kommen, bei dem die oder der Jugendliche seine persönlichen Grenzen austesten kann.

Zur Realisierung des reaktiven Bausteins gehört von daher die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern. Die Suchtberatung des Diakonischen Werkes Waldeck-Frankenberg wird als erstes mit dem Kreiskrankenhaus in Frankenberg und dem Stadtkrankenhaus in Korbach Gespräche aufnehmen. Die Erfahrungen aus anderen Landkreisen zeigen, dass die Krankenhäuser in der Regel sehr froh sind, wenn sich fachkompetente Personen um die ausnüchternden Jugendlichen und ihre Eltern kümmern, da das Krankenhaus ja in der Regel „nur" die medizinische Versorgung leisten kann.

Sollten die durch das Präventionskonzept HaLT angebotenen Hilfen für eine jugendliche Person nicht ausreichen, so bietet die Suchtberatung vom Diakonischen Werk Waldeck-Frankenberg weitere therapeutische Hilfsmöglichkeiten an oder vermittelt an andere Beratungsstellen wie zum Beispiel die Erziehungsberatung.

Baustein 2: Der proaktive Baustein ist eine kommunal verankerte Präventionsstrategie, welche das Ziel hat, Alkoholexzesse und schädlichen Alkoholkonsum im Vorfeld  zu verhindern. Hierbei soll besonders auf die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes hingewirkt werden. Um eine große Wirkung im Landkreis zu erzielen und nicht nur die Mittelzentren, sondern auch kleine Kommunen zu erreichen, wird eine Zusammenarbeit auf breiter Ebene angestrebt.

Ordnungsamtsmitarbeiter, Vereinsmitglieder, Schulen, Einzelhandelsbetriebe, Polizei, Mitarbeiter aus dem Gaststättengewerbe, Veranstalter von Volksfesten und Diskothekenbetreiber und viele mehr sollen Partner vor Ort in der Zusammenarbeit im Projekt HaLT werden. Verantwortlich im Landkreis Waldeck-Frankenberg für die Umsetzung des reaktiven Bausteins ist Diplom-Sozialpädagogin Ulrike Ritter von der Fachstelle für Suchtprävention.

Das Hessische Sozialministerium stellt denjenigen Landkreisen, welche HaLT implementieren, drei Jahre lang jährlich 7500 Euro zur Verfügung. Der Landkreis beteiligt sich ebenso wie die Krankenkassen  an den Kosten, so dass eine Durchführung des HaLT-Projektes im Landkreis Waldeck-Frankenberg möglich geworden ist. Wie Landrat Dr. Reinhard Kubat dazu mitteilte, wird sich der Kreis jährlich mit eine Summe von 7.700 Euro an dem Projekt beteiligen. „Die Tendenz ist eindeutig, immer mehr junge Leute geben offenbar dem Gruppendruck nach und beteiligen sich am Komatrinken", so der Landrat. „Wir wollen hier präventiv tätig werden und den jungen Menschen klar machen, dass ihr Verhalten nicht cool, sondern in höchstem Maße gesundheitsgefährdend ist".

Die Suchtberatungsstelle in Korbach mit ihren Außenstellen in Bad Arolsen, Bad Wildungen und Frankenberg ist eine Anlaufstelle, die Hilfe für Betroffene und Angehörige bei Suchtproblemen bietet. Neben der Alkohol- und Drogenberatung gibt es auch eine Beratungsstelle für Glücksspielsucht und Mediensucht sowie die Fachstelle für Suchtprävention. Das Fachpersonal besteht aus erfahrenen Diplom-Sozialpädagoginnen/-pädagogen und Diplom-Pädagoginnen/-pädagogen.

Die Zentrale in Korbach dient als erster Ansprechpartner, dort erhalten Interessierte alle weitergehenden Informationen. Termine, auch für die Außenstellen in Bad Arolsen, Bad Wildungen und Frankenberg können über die Zentrale der Suchtberatung in Korbach vereinbart werden: Tel. 05631/60330, montags bis donnerstags in der Zeit von 9 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr.

Laut Auskunft des Geschäftsführers der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Herrn Schmidt-Rosengarten, in Frankfurt lag die  Zahl der Jugendlichen unter 20 Jahren, die im Landkreis Waldeck-Frankenberg wegen einer akuten Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden

  • im Jahr 2000 bei 24
  • im Jahr 2007 bei 60
  • im Jahr 2008 bei 81
  • im Jahr 2009 bei 69

Die Zahlen hat die HLS vom Statistischen Bundesamt. Anhand dieser Zahlen kann man sehen, dass die tatsächlichen Krankenhauseinweisungen über die Jahre hin drastisch gestiegen sind. Knapp drei Mal so viele Jugendliche wie im Jahr 2000 sind im Jahr 2009 wegen akuter Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Allerdings sagen diese absoluten Zahlen nichts darüber aus, ob das sog. Komatrinken im Landkreis Waldeck-Frankenberg im Vergleich zu anderen hessischen Landkreisen besonders hoch oder niedrig ist. Um das herauszufinden, hat  Wolfgang Schmidt-Rosengarten die absoluten Zahlen der Krankenhauseinweisungen von jungen Menschen unter 20 Jahren durch die Bevölkerungsanzahl der Jugendlichen unter 20 Jahren geteilt. Die dadurch ermittelten  Quotienten lassen Vergleiche zwischen den hessischen Landkreisen zu.

Der Quotient vom Landkreis Waldeck-Frankenberg aus dem Jahr 2009 liegt bei 21,05. Das ist der zweithöchste Quotient von ganz Hessen. Nur der Quotient vom Werra-Meisner-Kreis ist noch höher (24,41). Den niedrigsten Quotienten von 8,67 hat Darmstadt, gefolgt von Frankfurt mit 11,45.

Seit 2003 wird das Präventionskonzept „HaLT" an elf Standorten in neun Bundesländern umgesetzt. Präventionsvereinbarungen für den Ausschank alkoholischer Getränke an Jugendliche zwischen Festveranstaltern und Gastronomen gehören ebenso zu den Angeboten des Konzeptes wie die Zusammenarbeit mit den Ämtern. „Das Miteinander ist der Erfolg des Projektes. Ich freue mich, dass in der derzeitigen Transferphase das Projekt großes Interesse findet. Mein Ziel ist, dass die HaLT-Idee schnell bundesweit genutzt und langfristig solide finanziert wird. Denn dort, wo nach dem HaLT-Konzept gehandelt wird, wurden stetig weniger Jugendliche mit einer schweren Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus eingeliefert", so Sabine Bätzing (2005 bis 2009 Drogenbeauftragte der Bundesregierung).

Quelle: BMG News

Weitere Informationen: www.drogenbeauftragte.de

www.die-praevention.de

www.bmg.bund.de

aus: http://www.innovationsreport.

de/html/berichte/gesellschaftswissenschaften/bericht-84686.html


 

Weitere Informationen zu HaLT:

aus: Vortrag von Wolfgang Schmidt-Rosengarten, Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) gehalten am 25.10.2010 in der Stadthalle in Korbach anlässlich der Präventionswoche

Kurzbeschreibung des Präventionskonzeptes HaLT:

1. Unterstützung der betroffenen Jugendlichen und deren Eltern (evtl. Einleitung weiterer Hilfemaßnahmen)

2. Verhinderung komatösen Rauschtrinkens im Vorfeld

3. Information und Sensibilisierung der Öffentlichkeit

Das Konzept von HaLT

Reaktiver Baustein
-sozialpädagogische Hilfen für Jugendliche - in Zusammenarbeit mit Kliniken
-Zäsur - nicht gleich zur Tagesordnung übergehen!
-frühzeitige Unterstützung für betroffene Kinder, Jugendliche und ihre Eltern
-bei Bedarf Einleitung weitergehender Hilfen

Proaktiver Baustein
-kommunale Präventionsstrategie mit Festveranstaltern, Kommunen, Vereinen, Schulen und Polizei
-Verhinderung von riskantem Alkoholkonsum im Vorfeld z.B. Jugendschutzgesetz, keine Abgabe an Betrunkene
-Verantwortung und Vorbild der Erwachsenen
-Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit

Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des HaLT-Modells durch Prognos (2007):

Beide Bausteine nötig, verstärken sich gegenseitig, hohe Glaubwürdigkeit

Hohe Effizienz, Reichweite und Akzeptanz durch Netzwerkansatz

Fokussierung auf Alkohol; kein Abstinenzansatz;  „Für eine schöne Festkultur"